Chinesisch für Olympioniken – Das chinesische Alphabet? Die Ordnung des chinesischen Wörterbuches 07.08.2008, 14:30
Dass die Olympischen Spiele in Peking viel kulturelles Lokalkolorit ins Ausland tragen würden, war
schon lange klar. Alleine die Diskussionen um das offizielle "Beijing 2008"-Logo brachten westlichen
Nicht-Sinologen einige Informationen: Zum Beispiel dass das darin zu sehende weiße Strichmännchen
eine Ableitung des alten Siegelschriftzeichens "京" ([jīng] "Hauptstadt" und zweite Silbe von "Beijing")
darstellt. Auch wenn solche Bemerkungen meist nur nebenbei fallen, können sie neue Einblicke in die
chinesische Schriftkultur bieten.
Folgendes Beispiel kann selbst für Fachleute spannend sein: Jüngst wurde durch das Olympia-
Kommitee nämlich die Reihenfolge der Länder beim Einlauf der Olympioniken ins Nationalstadion
"Bird's Nest" bekanntgegeben. Klar, als erstes kommen wie immer die Griechen, China als Gastland
bildet das Schlusslicht. Dazwischen geht es normalerweise von A bis Z.
Wie kann es dann sein, dass direkt nach Griechenland Guinea kommt – und nicht Afghanistan, Ägypten,
Albanien? Ganz einfach: Das Alphabet wurde außer Kraft gesetzt – an dessen Stelle trat die traditionelle
Ordnung chinesischer Zeichen in Zeichenwörterbüchern, und die richtet sich nach der Anzahl der
Striche, die im Zeichen vorkommen. Das erste Zeichen von "Guinea" (几内亚 [jǐ nèi yà]) besteht aus nur 2
Strichen. Danach folgt "Guinea Bissau" (几内亚比绍 [jǐ nèi yà bǐ shào]). Die Türkei (土耳其 [tǔ ěr qí]) liegt
mit drei Strichen ebenfalls weit vorne. Als Letzte vor China laufen die Olympioniken aus Sambia (赞比亚
[zàn bǐ yà]) ins Stadion ein: Ihr erstes Zeichen ist mit 16 Strichen das komplizierteste. Deutschland (德国
[dé guó]) rangiert mit 15 Strichen ebenfalls fast ganz hinten.
Was passiert, wenn zwei Länder über haargenau gleichviele Striche verfügen? Bei Nord- (朝鲜 [cháo
xiān]) und Südkorea (韩国 [hán guó]) ist dies mit jeweils 12 Strichen der Fall. Hier entscheidet dann die
klassische Reihenfolge der einzelnen Striche im Wörterbuch: Der horizontale Strich (横 [héng]) liegt
darin vor dem von rechts oben nach links unten verlaufenen Schwung (撇 [piě]) – und dieses Detail
verschafft nun Südkorea den Vorrang.
Wer Chinesisch oder Japanisch lernt, kennt die Unterscheidung von "Zeichenwörterbüchern" (字典 [zì
diǎn]) und "Wörterüchern" (词典 [cídiǎn]). Erstere gab es schon im China der Han-Dynastie (206 v. Chr. –
220 n. Chr.), in ihnen steht das einzelne Zeichen im Vordergrund: Historische Formen werden
aufgeführt, Aussprache und Bedeutung in Kürze erklärt. In einem Zeichenwörterbuch ist eine große Zahl
an Zeichen aufgeführt, das "Kangxi-Wörterbuch" von 1716 nennt 47˙000 größtenteils nicht mehr
gebräuchliche Zeichen.
"Wörterbücher" funktionieren mehr wie unsere Wörterbücher. Sie beschränken sich auf vergleichsweise
wenige Zeichen, nennen aber dafür so viele zusammengesetzte Wörter wie möglich. Sie sind heute
gemeinhin nach dem ABC und der phonetischen Lateinumschrift geordnet. Auflistungen werden (z.B.
im Internet) auch so gut wie immer alphabetisch aufgereiht.
Das Pekinger Olympiakomitee scheint nun dem ABC einen Streich spielen zu wollen, die Vorherrschaft
des lateinischen Alphabets soll wohl einmal in Frage gestellt werden. Vielleicht tritt aber eine ganz
andere Sache in den Vordergrund: Ist nicht jede Ordnung ein Produkt zufälliger Entwicklungen? Sollte
dann nicht eher der Zufall selbst über die Reihenfolge entscheiden? Hinzu kommt möglicherweise wohl
doch noch der Aspekt des Nationalstolzes: "Wir haben unsere eigene Ordnung!" Das Problem dabei ist
nur, dass sie eigentlich immer weniger angewendet wird. Als kleiner Gag nebenbei ist die Aktion aber
natürlich ein voller Erfolg.
Quelle: CHINAFOKUS
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